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Sonntag, 9. Mai 2010

"Sie sehen aus wie...!"

Sommer 2006. Das WM Fieber hat bereits das gesamte Land infiziert. Selbst der größte Fussballantipathisant fordert zum freundlichen Trikottausch auf. Solidarische Auto-Deutschlandflaggen zieren die Straßenränder, große, aus den Fenstern gehangene Deutschlandflaggen wehen im Stolze der Nation - in diesem Ausmaße das erste Mal nach wahrscheinlich 60jähriger Stock-im-Arsch-Gesellschaft. Deutschland zeigt im wahrsten Sinne des Wortes wieder Flagge und schämt sich nicht dafür.

Ja, auch ich habe mich mitreißen lassen: Public-Viewing - schwitzend, zwischen tausenden euphorischen Menschen, Massenkarambolagen - 5 Minuten vor Spielbeginn im Auto, dann wann man eigentlich längst sein Gesäß in die Couch pressen sollte, in der Linken ein Bier und in der Rechten die Arschbacke der Freundin (die selbst nicht verschont geblieben ist von Faszination WM in Deutschland und mitlerweile sogar die Abseitsregeln versteht - wir sind stolz).
- ein geteiltes Gefühl von Gemeinsamkeit.

Doch birgt auch jedes ach so freudige Ereignis seine Schattenseiten. Ich denke in den letzten Jahren wurde das Thema WM2006 schon breit genug getreten, drum will ich nicht groß drauf eingehen. Ja, es war ein großes unvergessliches Ereignis. Auch wenn Wörter, die mit I- anfangen und -talien aufhören einen negativen Nachgeschmack hinterlassen, lebt die WM trotzdem positiv in unseren Herzen weiter.
An dieser Stelle also nicht das sooft zitierte "Sieger der Herzen" oder "Deutschland ein Sommernachtsmärchen".

Persönliche Schicksale sind das Schlagwort, nämlich Meines. Um diese zu illustrieren eine einfache Frage: Wer schoß 2006 das erste WM-Tor?
Aufmerksame Mitverfolger des Events würden jetzt mit "Phillipp Lahm" richtig antworten und Fanaten könnten mir auf die hunderste Sekunde genau sagen wann der Ball das Netz des Gegentors traf. Sogar können noch vereinzelt die wütenden Schreie des Nachbars aus Costa Rica mit der verpatzten ODDSET Wette von nebenan nachvollzogen werden. Nicht zu vergessen die Tatsache, dass ich selber 5 Minuten eher noch im Auto saß, und genau 20 Sekunden nach dem ersten Tor den Fernseher anschaltete und den epischen Moment nur noch in der Wiederholung sehen durfte. Schicksale die prägen. Jedoch geht diesem Moment mit Phillip Lahm eine weitaus wichtigere Tatsache voraus.

Phillipp Lahm, ein Mann, mein Schicksal. Warum? Weil Gott, das Universum, vielleicht das all umwobene Spaghettimonster, aber wahrscheinlich doch eher gute Gene dazu geführt haben, dass ich Herrn Lahm sehr ähnele. Wieso ist das so schlimm? Nun, wenn ich schreibe "mein Schicksal" ist der Wortgebrauch vielleicht etwas ungünstig gewählt. Vielleicht würde "Bürde" es besser treffen.

Versteh mich nicht falsch, mit Phillipp Lahm als Person habe ich es verdammt gut getroffen. Quasi die Oberschicht der Look-alikes. Ich hätte es weitaus schlechter treffen und das Äußerliche von Gildo Horn, Gunter Gabriel oder Daniel Küblböck abkriegen können. Oder nicht auszudenken: Einen Remix von allen zusammen!
Nein, Phillipp Lahm sieht nicht schlecht aus, hat eine hübsche Freundin (bald Ehefrau), ist sicherlich in der Lage dem Pizzaboten ein knackiges Trinkgeld zu geben, ist berühmt und bei der Masse beliebt. Einziges Manko wären da vielleicht noch die nicht überall gleich anerkannten Ansichten über Lahms sexuellen Orientierung - aber wen juckt das schon. Der Typ ist verdammt sympathisch.

Es geht weniger um Phillipp Lahm als Person. Ich meine der ein oder andere kennt das, schließlich sieht jeder irgendwann, irgendwem, auf irgendeine Art und Weise ähnlich. Und gerade anfangs, dort wo man sich noch nicht wirklich bewusst ist von der Existenz des bösen Zwillings ist die Sache auch noch recht sympahtisch, man fühlt sich doch irgendwo auch ein bisschen geschmeichelt und umgarnt. Die betroffene Person wird auf die Ähnlichkeit angesprochen, muss schlimmstenfall einen blöden Witz etragen, höflich drüber lachen und das Thema ist gegessen - denkt man.

Jetzt gehen wir nochmal zurück zur WM2006. Deutschland im Fussballfieber, Lahm in der Nationalelf, schießt das erste Tor der WM und macht sich auch für den Rest sehr gut - kurz er steht im Rampenlicht. Ich komme irgendwohin und oben genanntes Szenario spielt sich ab: Der Moment der Erkennung, ein schlechter Witz, ein höfliches Grunzen, man widmet sich wieder seinem Leben. Dies allerdings rund 4-5 mal am Tag.

Szenario:

Hochtzeit meines Bruders vor 4 Jahren, aus ebenfalls oben genannter Solidarität ist ein Fernseher aufgestellt um diejenigen zu trösten, die durch gesellschaftlichen Druck, ausgelöst durch eine doch eher triviale Hochtzeit, ein WM-Spiel missen. Ein kleines Grüppchen verfolgt weniger mitgerissen ein weniger interessantes Spiel und ich geselle mich dazu. Blicke schweifen und treffen sich, bis einer der Mitvierziger fragt, wieso ich denn nicht in München wäre. Ein Mann vom Typ, dem man damals in der Schule bis zum heutigen Tage sein Pausengeld geklaut hat - und zwar völlig zurecht. Ich, leicht entnervt, etwas auf dem Schlauch stehend, frage zurück: "Wieso?". Er kommt schnell zum Punkt: "Sie sehen aus wie Phillip Lahm!". Zur Belohnung kriegt er ein verlegenes Höflichkeitsgrinsen, das sagt: Haha, wie witzig, du Arschloch, das war ja kreativ. Die Miene des Mannes verändert sich zu einem Blick der triumphierend sagt: Mannoman was bin ich ein witziger Typ. Zeitgleich rollen sich mir die Fußnägel hoch. Angewidert wende ich mich wieder dem Spiel zu. Wie gern würd ich ihm jetzt sein Pausengeld klauen...

Und das ist noch nicht alles. Viele sagen jetzt an der Stelle, dass das doch harmlos sei. Ja, mag sein. Es ist nicht so, dass mein Leben nun qualitativ schlechter wird, mit jedem Mal, wenn jemand seinen Senf zu meinem Äußerlichen beiträgt. Es ist auch sicherlich nicht böse gemeint, davon bin ich überzeugt. Schließlich kann keiner wissen, dass schon mindesten 20 Leute vorher, genau den gleichen, besonders witzigen Kommentar über Lahm und mich abgelassen haben. Und nach der WM sollte der faule Zauber vorbei sein. Aus dem Auge aus dem Sinn sagt man so schön. Dachte ich.

Knappe 2 Jahre später ruft mich mein verstrahlter Vater an: "Seit wann machst du denn Werbung für Aids?". Jetzt ist es soweit, denke ich mir. Der langerwartete Wahnsinn, den meinen Vater schon Jahre schleichend zu übekommen schien, zeigt sich im Endstadium. Ich schlucke einmal, hohle tief Luft und sammle meine verlorene Fassung wieder ein. "Was?! Werbung FÜR Aids?".
Die positive Eigenschaft von dem Scherzkeks auf der Hochtzeit, also schnell auf den Punkt zu kommen, hat mein Vater wahrscheinlich noch nie wirklich gut beherrscht. Genausowenig, wie ich die Tugend der Geduld. "Vadder, mach mal nen Punkt!". Mit der folgenden, nun doch eher deutlichen Aufklärung meines Vaters, über das Plakat der Anti Aids Kampagne und Lahm als Werbeträger, holte mich meine WM Vergangenheit schmerzlich wieder ein. Werbung "für" Aids, jetzt gehts aber los. Danke Vati, danke Herr Lahm. Was ist aus der guten alten Nutella Werbung geworden?

Aber nicht nur mein Vater hat ein Auge fürs Detail. Auch der Vater meines besten Freundes kam vor kurzem zur Erkenntnis der deutlichen Parallelen. Und er ist genau wie mein Kollege vom Typ: Immer schön Salz in die Wunde. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm...
So darf ich mir nun jedes Mal einen sympathischen Spruch anhören. Gekrönt wurde dies erst kürzlich, durch die Aktion meines guten Freundes. Treffpunkt: Thalia Buchhandlung, Ich: Auf der Suchen nach einem Geschenk, Der Kollege: Auf der Suche nach mir. Natürlich nicht, ohne die gesamte Belegschaft im Buchhandel auf mich Aufmerksam zu machen: "Haben Sie meinen Kollegen gesehen? Der sieht aus wie Phillipp Lahm.". Als ich zufällig dazustoße, brechen die Verkäuferinnen in Gekacker aus: "Stimmt, der sieht dem echt sehr ähnlich". Ich komme mir vor wie im Zoo.
Lächeln und winken, lächeln und winken, immer wieder. Aber Rache is ja bekanntlich Blutwurst - dazu ein andern Mal mehr.

Wir schreiben das WM Jahr 2010. Die Erkenntnis trifft mich hart.
Phillipp Lahm in der deutschen Nationalmannschaft, der WM-Horror rückt näher.
Die Billanz von nervigen Motherfuckern, die mich fortan mit nervigen Sprüchen quälen?
Exponentiell steigend.

Die Bürde eines P. Lahm Look-alike - Naja, zumindest sehe ich besser aus.

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